
[Rezension zum sechsten Band der Schriftenreihe »grund_schule kunst bildung« von Jens Thiele erstmalig erschienen in den BDK-Mitteilungen 2.2019, S. 45f.]
grund_schule kunst bildung, Band sechs: Kinderzeichnung?
herausgegeben von Kirsten Winderlich
Athena-Verlag, Oberhausen 2018, 145 Seiten, 19,50 €
Dem Eigensinn der Kinderzeichnung auf der Spur
Dass die Kinderzeichnung eine zentrale Kategorie der ästhetischen Bildung ist, bedarf in dem von Kirsten Winderlich herausgegebenen und an der grund_schule der künste erarbeiteten Band keiner erneuten Begründung. Vielmehr weiten die Autorinnen und Autoren den Blick auf kindliches Zeichnen und Malen durch neue, überraschende und experimentelle Zugänge und belegen damit, dass sich scheinbar zeitlose Forschungsfelder der Ästhetischen Erziehung aus einer veränderten Perspektive auch neu entfalten können.
Nicht mehr die Kinderzeichnung selbst als fertiges Produkt, das es zu bewerten und benoten gilt, steht im Fokus der hier zusammengeführten Beiträge, sondern die Entdeckung, Beobachtung und Förderung der Rahmenbedingungen, unter denen kindliche Gestaltungsprozesse in Gang kommen, sichtbar werden und sich mit anderen ästhetischen Materialien, Medien und Methoden verbinden. Die Kinderzeichnung wird als Teil umfassender ästhetischer Erfahrungsprozesse verstanden, die in diesem erweiterten Kontext aber auch selbst wieder ein Gegenstand der Neugier wird.
Die hier vorgestellten Projekte favorisieren die Idee eines Grundschulunterrichts, der Kindern (mentalen und realen) Raum gibt, um über vertraute ästhetische Muster hinaus zu eigenen, eigensinnigen Lösungen zu kommen – und über eine Lehrerausbildung, in der sich angehende Lehrer*innen experimentell-forschend nicht nur mit Bildern, sondern mit allen gestalterischen Äußerungen von Kindern auseinandersetzen.
Das geschieht durch eine Vielzahl theoretisch wie empirisch gut geplanter Ansätze, etwa durch Methodenexperimente, in denen Kinderzeichnungen überdimensioniert auf eine Wand transformiert und animiert werden. Die Bilder werden Strich für Strich ‚nachgezeichnet‘, um im Nachspüren eigene ästhetische Erfahrungen zu gewinnen (Beitrag Conrad Rodenberg). Das geschieht auch durch sehr genaue Beobachtung und Reflexion, wie Kinder auf bildnerische Vorgaben (Bildstil, Material, narrative Anstöße) reagieren, sich bildnerisch imaginierend einbringen und zu individuellen Deutungswegen finden (Beitrag Kirsten Winderlich). Lange Bildstrecken über Seiten hinweg lassen den Benutzer des Buches an diesen Gestaltungsprozessen unmittelbar teilhaben.
Der Schulpraxis liefert der Band u.a. Impulse für das freie, entdeckende Zeichnen mit dem Ziel, Schüler*innen für den Begriff der Zeichnung überhaupt zu sensibilisieren und sie so an eine zentrale Bildkategorie heranzuführen (Beitrag Johannes Jakobi). Ergiebig für einen Perspektivwechsel im Unterricht ist auch der performative Weg, der durch einen zweckfreien bzw. zweckentfremdeten Gebrauch vorgefundener Materialien Malexperimente auf Papier in Gang setzt, die zwischen Happening, Mixed Media und Performance liegen (Beitrag Annika Vogt). Weitere anregende Beiträge zur Theorie, Forschung, Analyse und Praxis kindlicher Bildsprache ergänzen die Textsammlung.
Die durchgeführten Projekte, Ideen und Experimente lassen sich nicht sogleich geradlinig auf schulische Lernsituationen übertragen. Aber sie öffnen den Blick für ein anderes Verständnis von Unterricht rund um die ‚Kinderzeichnung‘, sie machen neugierig auf den Eigensinn kindlicher Bildproduktion und zeigen damit verbundene Spielräume ästhetischen Lernens in der Grundschule auf. Fazit: Ein facettenreiches Experimentierfeld zur Erforschung kindlicher Gestaltungsprozesse und –kompetenzen.
Jens Thiele