[Rezension zum fünften Band der Schriftenreihe »grund_schule kunst bildung« von Flurina Affentranger (CH), erschienen in den BDK Mitteilungen, 3.2018, S. 46]
Zu Sprachen finden
Wie kommen wir zur Sprache? Als hochaktuelles Bildungs- und sozialpolitisches Thema drängt die Frage nach der Sprachbildung und Sprachförderung in der Schule auf allen Stufen. Die Globalisierung und wachsende Komplexität unserer Lebenswelten stellen hohe Anforderungen an die sprachlichen und literalen Kompetenzen. Doch geht es auch um das Finden eigener Sprachen – Sprachen, die Ausdrucksmittel persönlicher Wahrnehmung, Reflexion und Emotion sein können.
Unumstritten ist die Sprachbildung, insbesondere in der Grundschule, eine interdisziplinäre Aufgabe. Welche Perspektiven aber öffnen sich, wenn sie nicht nur mit wissenschaftlichem Blick, sondern auch aus künstlerischer Haltung heraus gedacht wird? Der fünfte Band der von Kirsten Winderlich herausgegebenen Schriftenreihe, grund_schule kunst bildung’ zeigt Wege auf, wie es gelingen kann, ausgehend von ästhetisch-künstlerischen Zugängen zu Sprachen zu finden.
In neun Beiträgen wird vielstimmig offenkundig, wie neben dem gesprochenen oder geschriebenen Wort gleichberechtigt auch das künstlerisch Hervorgebrachte von Kindern als sprachliche Äusserung verstanden werden kann. Dabei liegt das Wesentliche nicht bloss im Festgehaltenen sondern auch im Flüchtigen: im bildnerischen Prozess, in der Klangproduktion, in der Vermittlungssituation, im Performativen oder schlicht in der gemeinsamen Präsenz von Kindern, Studierenden und Lehrenden.
Eindrücklich schildert Conrad Rodenberg (‚Erzählen zwischen Bild und Klang‘) wie im Moment einer Klangimprovisation vor Bildern jede Forderung der Kinder nach Erklärungen, wie die Musik zu spielen sei, ausbleibt. Die Lust am Ausprobieren führt zu einem Sich-Einlassen, das vom Spontanen lebt. Darin scheint ein Schlüsselmoment zu liegen, der in unterschiedlichen Formen in allen Beiträgen anklingt. Sprachen ereignen und entwickeln sich dann, „wenn wir uns mit aller Aufmerksamkeit einer Sache widmen“ (Winderlich, 2017).
Involviert in den Lehr- Lern- und Forschungsort ‚grund_schule der künste‘, der unter dem Dach der Universität der Künste Berlin steht, schreiben die Autor*innen (Vivienne Appelius, Nick Ash, Turit Fröbe, Evelyn May, Janna Rakowski, Conrad Rodenberg, Jens Thiele, Sandra Topan und Kirsten Winderlich) aus forschender, lehrender, vermittelnder und studentischer Sicht. Als fruchtbares Wechselspiel von theoretischer Fundierung und dokumentierter Praxis ist die Publikation anregender Impuls in der Auseinandersetzung mit der drängenden Frage nach Sprachbildung und betont nicht zuletzt die Relevanz ästhetisch-künstlerischer Bildung in der Schule.
Flurina Affentranger